So wie der Klima-Michel seine eigene Temperatur fühlt, verhält es sich oft auch in der Wirtschaftswelt – das ist eine große Herausforderung für die Mitbestimmung.

Vor einigen Jahren hat der Deutsche Wetterdienst den Klima-Michel erschaffen. Anlass für das Modell war die Erkenntnis, dass eine Temperatur zwar objektiv gemessen werden kann, aber subjektiv wirkt. Der Klima-Michel ist ein durchschnittlich gewachsener, mittelalter, männlicher Erwachsener mit bestimmten körperlichen Eigenschaften (Gewicht, Hautfläche etc.), der die Temperatur subjektiv anders empfindet, als sie objektiv gemessen ist. Insbesondere dann, wenn beispielsweise Luftfeuchtigkeit oder Windstärke dazu kommen. Das Problem ist, dass nur auf einen bestimmten Teil der Menschen, die Eigenschaften des Klima-Michels zutreffen. Folglich empfindet jeder und jede die objektive Temperatur ein bisschen anders.

Mein Eindruck ist, dass das teils auch im Wirtschaftsleben so ist. Aus der „gefühlten Wirtschaftstemperatur“ werden je nach Sichtweise ganz unterschiedliche Einschätzungen über die tatsächliche Lage. Und zwar abhängig von der Frage, wo ich arbeite, was ich verdiene, ob ich eine eigene Firma führe, die gerade hart von externen Einflüssen getroffen wird oder ob ich Betriebsrat in einem prosperierenden Unternehmen bin – und umgekehrt.

Das Problem dieser vielfältigen Empfindungen ist, dass sich daraus unterschiedliche „Wahrheiten“ entwickeln, die eher dazu beitragen den Blick auf die reale wirtschaftliche Lage im jeweiligen Unternehmen, in Deutschland, in Europa zu verstellen. Und damit auch darauf, was zu jetzt zu tun ist, damit Deutschland in 3, 5 und zehn Jahren immer noch ein wirtschaftlich erfolgreiches und wohlhabendes Land ist. Um Lösungen zu finden, braucht es mindestens eines: Einigkeit darüber, welches Problem zu lösen ist und wie dieses genau aussieht. Denn bei allen unterschiedlichen Empfindungen ist der Gefrierpunkt von Wasser in unseren Gefilden bei null und der Siedepunkt bei hundert Grad Celsius.

Auch wenn es keine finalen physikalischen Werte im Wirtschaftsleben gibt, so sind doch eine stagnierende Produktivität, ein Verlust von Realeinkommen oder ein negatives Wachstum objektiv feststellbare Probleme. Die objektive „ökonomische Temperatur“ einheitlich zu beurteilen, fällt aber deswegen so schwer, weil die Ursachen und Wirkungen der Wirtschaftslage vielschichtig sind und sich teils überlagern.

Management und Mitbestimmung haben die gemeinsame Aufgabe, die Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen und für sichere Beschäftigung zu sorgen.

Die deutsche und europäische Automobilwirtschaft ist dafür ein gutes Beispiel, sie kämpft unter anderem mit folgenden Problemen: dem globalen Rückgang der Nachfrage seit 2018, den enormen Überkapazitäten von Endproduzenten und Zulieferern, einem nie dagewesenen Wettbewerbsdruck, vor allem ausgelöst durch den disruptiven Verdrängungswettbewerb aus China, einer Vielzahl an technologischen Konzepten von

Antriebsarten bis zur Frage des autonomen Fahrens, einem aufziehenden Handelskonflikt, ausgelöst durch den auferstandenen US-Präsidenten und seine sehr spezielle Sicht auf die Welt und einer mittlerweile immer weniger akzeptierten Vielfalt bürokratischer und regulatorischer Bestimmungen. Wie bitte schön soll man solche komplexen Probleme monokausal lösen?!

Für die Fahrzeugindustrie und deren Akteure (ich bin seit Jahrzehnten selbst einer davon) sind meines Erachtens zwei Fragen besonders entscheidend:

  1. Was sind die grundsätzlichen, strukturellen Probleme, die sich mit dem nächsten Aufschwung nicht einfach in Luft auflösen, sondern bestehen bleiben?
  2. Welche potenziellen Entwicklungen lassen sich bereits heute antizipieren, die den Betrachtungshorizont der ersten Frage noch vergrößern?

Die Zukunft der Fahrzeugindustrie steht dabei beispielhaft für viele Industrien; ich führe sie deshalb hier auf, weil ich sie sehr gut kenne und weil sie in weiten Teilen von mitbestimmten Unternehmen geprägt ist. Gerade in diesen Unternehmen darf es nicht unendlich viele Klima-Michel geben – stattdessen müssen subjektive Beurteilungen und interessensgeleitete Interpretationen der Lage hinter die objektiven Fakten zurücktreten. Vor allem wenn es ernst wird, haben Management und Arbeitnehmervertretung die gemeinsame Aufgabe, die Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen und für sichere Beschäftigung zu sorgen.

Die aktuelle Situation erfordert den objektiven Blick. Die Fähigkeit, die Dinge mit den Augen des Gegenübers zu sehen.

In den letzten Jahrzehnten hat das in aller Regel gut funktioniert, weil neben den Betriebsräten auch die Gewerkschaften auf betrieblicher Ebene Teil der Lösung waren und es eine grundsätzliche Anerkennung des Systems der Mitbestimmung bei den Unternehmensverantwortlichen gab. Ich glaube allerdings nicht, dass eine einfache Fortschreibung dessen, was bisher geholfen hat, auch künftig ausreicht.

Strukturelle Probleme und multiple Herausforderungen brauchen andere Lösungsmechanismen als temporäre Krisen und stellen beide Seiten vor eine enorme Bewährungsprobe. Die aktuelle Situation erfordert den objektiven Blick. Die Fähigkeit, die Dinge mit den Augen des Gegenübers zu sehen. Und sie erfordert die Kompetenz und Erfahrung, aus komplexen Problemstellungen Lösungen zu entwickeln, zu verhandeln, zu vermitteln und umzusetzen.

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