Künstliche Intelligenz in Unternehmen braucht den Schulterschluss mit der Arbeitnehmerseite – daran wird sich die Zukunft der deutschen Wirtschaft entscheiden

Es gibt keinen Zweifel. Die Einführung und Anwendung von Künstlicher Intelligenz (KI) ist die entscheidende Zukunftsfrage überhaupt. Leider werden regelmäßig eher „Horrorszenarien“ an die Wand gemalt, wenn es um die Einführung von KI in Unternehmen geht: Leistungsverdichtung, Überwachung, Verlust von Arbeit etc.. Dabei wird meist die Arbeitnehmerseite als Bremser der neuen Technologie hingestellt – und häufig zu Unrecht! Denn Betriebsräte und Gewerkschaften sind generell eher technologieoffen, weil sie wissen, dass nur neue Technologien auf Dauer Fortschritte bringen und damit gute Löhne und Arbeitsplätze sichern. Wichtig ist, dass Unternehmen, den Betriebsrat bei der Einführung von KI frühzeitig einbinden. Sonst droht Misstrauen, es entstehen Missverständnisse und die Bedenken gegenüber KI mutieren nicht selten von einer Maus zum Elefanten.
Den Betriebsrat frühzeitig mit ins Boot zu holen ist aus mehreren Gründen entscheidend. Erstens: Betriebsräte sind die gewählten Vertreter der Belegschaft und fungieren als Sprachrohr der Beschäftigten. Somit können sie Stimmungen in der Belegschaft beeinflussen und in eine bestimmte Richtung lenken – etwa, ob KI gut oder schlecht ist. Weil Beschäftigte nicht wissen, was auf sie zukommt, wird die Einführung von KI immer mit Skepsis und Sorgen einhergehen. Deshalb ist es umso wichtiger, transparent und offen damit umzugehen und KI-Anwendungen frühzeitig im Zusammenhang zu erklären. Für ein Unternehmen heißt das zum Beispiel folgende Fragen zu beantworten: Führen wir KI aus Kostengründen ein? Oder steigern wir damit unsere Wettbewerbsfähigkeit? Und ersetzt die KI womöglich monotone Arbeit und unsere Beschäftigten können höherqualifizierte Tätigkeiten ausüben?

Deutsche Unternehmen liegen beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz zurück

Ein zweiter Grund für die frühzeitige Einbindung ist, dass Betriebsräte bei der Einführung neuer Technologien sehr weitgehende Mitbestimmungsrechte haben – insbesondere, wenn damit auch Leistungs- und Verhaltenskontrolle möglich ist. So steht es im Betriebsverfassungsgesetz und entsprechend entscheidet die Arbeitnehmerseite mit, ob und wie KI-Systeme angewandt werden. Ihre Einbindung ist somit keine nette Geste um des lieben Betriebsfriedens willen, sondern ein knallhartes Gebot für jedes Unternehmen, das erfolgreich KI-Systeme nutzen will.

Letztlich entscheidet der erfolgreiche Einsatz von KI über nicht weniger als die Zukunft und Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft in Deutschland und Europa  – davon bin ich felsenfest überzeugt. Und in diesem „Rennen“ rangiert Deutschland derzeit ziemlich weit hinten – nach einer aktuellen Umfrage von Bitkom Research wartet noch etwa die Hälfte der Unternehmen ab, welche Erfahrungen andere mit dem Einsatz von KI machen. Sie beschäftigen sich also noch nicht mal mit der Einführung und haben schon gar nicht ihren Betriebsrat ins Boot geholt.

Unternehmen und Betriebsrat brauchen gemeinsames Wertesystem zu KI

Hinzu kommt: Ein technisches Grundverständnis darüber, was KI-Systeme leisten und können, ist zwar der erste wichtige Schritt, den ein Unternehmen mit seiner Arbeitnehmervertretung besprechen muss. Damit ist es aber noch lange nicht getan, sondern es braucht ein klares gemeinsames Wertesystem bezüglich ethischer, sozialer und datenschutzrechtlicher Fragen. Das hängt damit zusammen, was die KI heute und in Zukunft alles leistet: Da KI-Agenten darauf ausgelegt sind, flexibel und anpassungsfähig zu handeln und Aktionen dynamisch auszuführen, kann ihr Verhalten nicht immer vorhergesagt werden. Deshalb braucht es bei der Anwendung solcher Systeme einen Determinismus, also bestimmte Vorbedingungen, um Kontrolle, Nachvollziehbarkeit und Regelkonformität zu gewährleisten. Konkret heißt das: Der KI-Agent bekommt von vornherein bestimmte Regeln vorgegeben. Mittels Validierung und Tests muss dann überprüft werden, dass der Agent diese Grenzen einhält, zudem sind über Feedbackschleifen und Protokolle des Systems weitere Kontrollen möglich.

Eine solche Kombination aus Regeln, Überwachung und Feedbacks macht das KI-Verhalten transparent und lenkt es  in die gewünschten Bahnen – das ist insbesondere dann entscheidend, wenn KI-Agenten bei der Personalauswahl, Entgeltfragen oder beim Arbeits- und Gesundheitsschutz zum Einsatz kommen. Gerade bei Personalfragen ist die Sensibilität besonders hoch, deshalb gilt es sicherzustellen, dass die KI nur mit dem Wertekompass arbeitet, den wir ihr in die DNA geschrieben haben.

Die Rolle des Menschen bei künftigen Anwendungen ist häufig noch ungeklärt

Unternehmen, denen es gelingt, deutlich zu machen, dass der Einsatz von KI ein entscheidender Wettbewerbsfaktor ist, und die ihre Arbeitnehmer-Vertretungen von den Vorteilen der KI für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens überzeugen können, haben künftig klar die Nase vorn. Momentan befinden wir uns an einem Scheideweg: Generative KI wird heute überwiegend positiv aufgenommen, weil sie die Menschen unterstützt – beim Erstellen von Texten, Videos, medizinischen Analysen usw. Die spannende Frage ist, wie die agentische KI aufgenommen wird. Sie ist in der Lage, komplexe Aufgaben selbstständig auszuführen und eigenständig auf Veränderungen zu reagieren. Im Bereich der humanoiden Robotik übernehmen Roboter bereits die ganze Arbeit, wenn auch (noch) für einfachere Tätigkeiten. Und sogenannte KI-Agenten-Pools heben die Arbeitsorganisation nochmal auf eine andere Stufe. So arbeiten in einem digitalen Kundendienst-Pool zum Beispiel ein Agent für Spracherkennung, einer für die Analyse des Kundenanliegens und einer zur Antwort-Generierung zusammen, ohne dass der Mensch eingreifen muss.

Doch welche Rolle spielt künftig der Mensch bei solchen Anwendungen? Eine höherwertige, weil er die Entscheidungen und Ausführungen der KI kontrollieren muss? Oder wird der Mensch zum ausführenden Organ, das Anweisungen von der KI erhält?  Solche Fragen erfordern eine proaktive Kommunikation, die kritische Funktionen klar adressiert, Potenziale und Chancen vermittelt und die Einführung von KI entlang gemeinsamer Werte gestaltet. Nur auf diesem Weg gelingt es, die Arbeitnehmervertretung als aktiven Mitgestalter zu gewinnen. Und nur so entsteht ein gemeinsamer Weg, bei dem Mitbestimmung und Innovation Hand in Hand gehen.

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